Bücher schreiben

Bücher schreiben, das ist so eine Sache, mit der ich immer gleich die tiefsten, existenzialistischen Schichten meines unfertigen Selbst vordringe und dort regelmäßig stecken bleibe…

Bin ich ein „echter“ Schriftsteller, nur weil ich Schriften erstelle? Dient die Veröffentlichung nur materieller Gedankenkompensation wider die menschliche Vergänglichkeit? Und wieso steht in den Bestsellerlisten immer 60 % gefühlter Sch***, den ich aber selbst niemals zustande bringen würde? Fragen über Fragen…

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(c) by Alain Barbero (www.alainbarbero.com)  Wien, 2016

Manchmal sitze ich nur so im Kaffeehaus, meine Gedanken zerspargelt wie Mosaike, die zu stolz sind, Scherben zu sein, gespiegelt wie meine Seele in der See. In diesem Falle im Alser Café – wahrlich keines der traditionellen solchen, noch nicht einmal mit Rauchlokal-Charme, nicht fein, aber mein. Angeeignet im Grätzel meiner momentanen Verortung…

201602-Alser-René-02
(c) by Alain Barbero (www.alainbarbero.com)  Wien, 2016

 

L’âge ingrat

 

„Nein, leicht war es nicht mit ihm.

Halb Bar, halb Lounge, ganz ohne… charakterlose Jugendkultur – und doch! Zwischen Mitessern aus Torte und Ganztagsfrühstück reift er heran: Zarter Bartflaum gegen die Altwiener Café-Generation.

Melange-braun gestylt seine Trotzfassade, aber im Inneren: Verängstigte Liebelei köchelt. Backfisch im Wochenmenü.“

 

Bien

 

„Nein, besonders war es nicht. Aber sie hatte seine Geburt gesehen – ihre erste überhaupt.

Der Admiral ist tot, lang lebe der Admiral! Einst resche Kaisersemmeln beim Spielcasino-Vorspiel zum Wahnsinnspreis. Nun abgemusterter Friedensvertrag mit neuer Pacht.

Die alte Uniform als Windel für ein Neugeborenes, noch ohne Eigennamen oder Persönlichkeit – aber sie werden so schnell groß…“

 


 

Carl Spitzweg - Aschermittwoch
(c) by The Yorck Project – 10.000 Meisterwerke der Malerei (2002)

Carneval der Cunst

 

 „…Stuttgarter Staatsgalerie, auf braunem Parkettboden stiefeln Bürgerliche hinein, heraus, herein, hinaus. Der Raum ist hoch und hell, manche stehen schnell und begaffen wie die Affen gerahmte Kunstgeschichte auf weißer Wand. In der Hand halte ich ein Booklet mit Bildbeschreibungen, die um die Aufmerksamkeit meiner Augen ringen. Die Pupillen geschärft, lenkt ein Gemälde meine Blicke auf sich, obwohl es aschfahl daherkommt. Das Grau-in-grau des regnerischen Mittwochnachmittags strahlt mich bildhaft an, während alle anderen in Post-Faschingslaune zu bunten Druckgrafiken oder lustigen Popart-Bildchen der Nebenräume tingeln…“

 „Hast du schon wieder getrunken, Carl?“

 „Nicht mehr als gestern – da war’s echt heftig!“

 „Mit Brummschädel am Feiertag ins Museum? Das hat Chuzpe.“

 „…Licht flutet den Raum, den des Bildes aber weniger als meinen, in dem ich gerade wie eine Fluse strudele. Ich stehe offenen Geistes und frei, kann mich schwindeldrehen und habe schon das nächste Bilderlebnis-Angebot vor meinen Augäpfeln. Wie ein Obstkorb im Bio-Laden, aus dem ich mich nur bedienen muss. Anders als auf der aufgehängten, schwarz-weißen Tristesse vor mir. Ein spitzer Weg – so lehrt das Booklet – habe es dorthin geführt, wo vorher nichts und jetzt ein Clown gebeugt mit Armverschränkung kauert. Es dauert, bis sich das Gefangensein des dunklen Schattenkerkers auch auf mich legt…“

 „Im Knast? Du hast die Nacht in U-Haft verbracht?“

 „Nö, Polizeiwache. Ganz harmlos: Gekotzt, gepennt, gelatzt.“

 „Wie viel an Büßergeld haben die dir diesmal abgeknöpft?“

 „…Reuig ob des hohen Eintritts schwitzt mein Zeigefinger das melierte Papier durch, anstatt es zu blättern. Laub und plätscherndes Nass gehen auf dem Glasdach nieder; wie spitze Stacheln nähren sie meinen Kopfschmerz. Den Zins bezahlend rutsche ich auf eine Bank ohne Lehne, die meinem Steiß anzeigt, dass längeres Verweilen konstruktionsbedingt unerwünscht ist. Auch der Harlekin an der Wand hockt da; ich träume ihn an. Er hat den Kopf nach unten gesenkt und wartet. Ich von Menschengewust umgeben, sitzt er nur einsam da und lässt sich von dem einfallenden Gitterlicht ein wenig warm-rösten. Mich fröstelt ob meines absinkenden Blutzuckers…“

 „Magst dich wo treffen, bekloppter Künstleralki?

„Kommt Wunst von Wönnen, oder was?“

 „Gebongt! Dann bis gleich wieder am Kiosk bei der Oper. Der erste Schnaps auf mich!“

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